1. Was ist Siponimod? Siponimod ist ein Medikament zur Behandlung der Multiplen Sklerose, das speziell für die sekundär progrediente Form dieser Erkrankung entwickelt wurde. Bei dieser Verlaufsform verschlechtert sich die neurologische Funktion schleichend, häufig nach vorangegangenen Schüben in früheren Krankheitsjahren. Siponimod gehört zur Gruppe der Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren und wird unter dem Handelsnamen Mayzent angeboten. Es wirkt gezielt auf bestimmte Bereiche des Immunsystems und soll das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen, indem entzündliche Aktivität reduziert wird. Für viele Patienten mit aktiver SPMS stellt Siponimod eine wichtige Therapieoption dar, da in dieser Phase der Erkrankung nur wenige Medikamente zugelassen sind.
2. Wie wirkt Siponimod? Siponimod bindet an zwei Untertypen der Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptoren, nämlich S1P1 und S1P5. Diese Rezeptoren befinden sich unter anderem auf Lymphozyten, einer Gruppe von Immunzellen, die an Autoimmunprozessen beteiligt sind. Normalerweise verlassen Lymphozyten die Lymphknoten und gelangen über den Blutkreislauf in das zentrale Nervensystem, wo sie bei MS-Patienten Entzündungen auslösen können. Siponimod verhindert dieses Austreten der Lymphozyten aus den Lymphknoten, wodurch weniger Immunzellen im Blut zirkulieren und entzündliche Schädigungen im Gehirn und Rückenmark reduziert werden. Die Wirkung ist selektiv und gut steuerbar, da Siponimod eine relativ kurze Halbwertszeit im Vergleich zu älteren Substanzen aus derselben Wirkstoffklasse besitzt.
3. Wann wird Siponimod eingesetzt? Siponimod wird zur Behandlung erwachsener Patienten eingesetzt, die an einer sekundär progredienten Multiplen Sklerose mit nachgewiesener Krankheitsaktivität leiden. Aktiv bedeutet, dass entweder in den jüngeren Krankheitsverlauf Schübe aufgetreten sind oder dass in der Magnetresonanztomographie neue oder vergrößerte Läsionen sichtbar wurden. Die Therapie eignet sich nicht für Patienten ohne Hinweise auf Entzündungsaktivität, da Siponimod vor allem diese Form der Krankheitsaktivität beeinflusst. Häufig wird es als nächster Therapieschritt gewählt, wenn andere verlaufsmodifizierende Therapien nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden.
4. Wie wird Siponimod eingenommen? Siponimod wird einmal täglich als Tablette eingenommen. Da das Medikament die Herzfrequenz senken kann, beginnt die Therapie mit einer schrittweisen Aufdosierung über fünf Tage. Die Dosierung beginnt niedriger und wird täglich erhöht, bis die empfohlene Erhaltungsdosis von zwei Milligramm erreicht ist. Die Einnahme erfolgt unabhängig von Mahlzeiten. Die Tabletten dürfen nicht geteilt und nicht zerkleinert werden. Bei bestimmten Vorerkrankungen des Herzens kann der Arzt anordnen, dass die erste Dosis unter Überwachung gegeben wird, zum Beispiel mit einer Kontrolle des EKGs und der Herzfrequenz. Wenn Patienten die Einnahme für mehrere Tage unterbrechen, kann es notwendig sein, die Aufdosierung erneut zu beginnen, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
5. Welche Nebenwirkungen können auftreten? Zu den häufigeren Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen, eine Erhöhung des Blutdrucks und Infektionen der oberen Atemwege wie Nasennebenhöhlenentzündungen oder Erkältungen. Auch eine vorübergehende Erhöhung der Leberwerte kann auftreten. Eine wichtige, wenn auch eher seltene Nebenwirkung ist ein Makulaödem, bei dem sich Flüssigkeit in einem Bereich der Netzhaut ansammelt und das zu Sehverschlechterungen führen kann. Gelegentlich wurden epileptische Anfälle beobachtet. Sehr selten kann eine schwerwiegende Gehirninfektion auftreten, die sogenannte progressive multifokale Leukoenzephalopathie, die eine sofortige medizinische Abklärung erfordert. Patienten sollten umgehend ärztlichen Rat suchen, wenn sie eine plötzliche Sehverschlechterung, starke Infektionszeichen oder neue neurologische Symptome bemerken.
6. Wer sollte Siponimod nicht einnehmen? Siponimod ist nicht geeignet für Personen, die eine bekannte Allergie oder Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff haben. Zusätzlich gibt es mehrere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei denen Siponimod nicht eingenommen werden darf, darunter ein kürzlich erlittenes Herzinfarktgeschehen, instabile Angina pectoris, eine dekompensierte Herzinsuffizienz oder bestimmte Herzrhythmusstörungen. Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung der Child-Pugh-Klasse C dürfen das Medikament ebenfalls nicht einnehmen. Während der Schwangerschaft und Stillzeit ist Siponimod kontraindiziert, und Frauen im gebärfähigen Alter müssen vor Beginn der Behandlung einen zuverlässigen Empfängnisschutz sicherstellen.
7. Welche Wechselwirkungen sind möglich? Da Siponimod über bestimmte Leberenzyme abgebaut wird, können andere Medikamente dessen Wirkung verstärken oder abschwächen. Besonders relevant sind Arzneistoffe, die die Enzyme CYP2C9 oder CYP3A4 hemmen oder anregen. Auch Medikamente, die die Herzfrequenz beeinflussen, wie Betablocker oder bestimmte Kalziumkanalblocker, können das Risiko einer ausgeprägten Verlangsamung des Herzschlags erhöhen. Die gleichzeitige Einnahme weiterer Immunsuppressiva kann die Wahrscheinlichkeit für Infektionen steigern. Deshalb ist es wichtig, dass Patienten ihren behandelnden Ärzten alle Medikamente mitteilen, die sie einnehmen.
8. Wie wird die Behandlung überwacht? Vor Beginn der Therapie werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, darunter Blutuntersuchungen zur Kontrolle der Leberwerte und der Lymphozytenzahl, ein EKG, eine Überprüfung der Augen zur Früherkennung eines Makulaödems sowie gegebenenfalls genetische Tests für das Enzym CYP2C9, das den Abbau des Wirkstoffs beeinflusst. Während der Behandlung erfolgen regelmäßige Kontrollen der Blutwerte sowie klinische Untersuchungen, um den Krankheitsverlauf und mögliche Nebenwirkungen zu erfassen. Bei Patienten mit erhöhtem Risiko für Netzhauterkrankungen können augenärztliche Kontrollen wiederholt notwendig sein.
9. Wie schnell und wie lange wirkt Siponimod? Der Wirkungseintritt erfolgt schrittweise über die ersten Wochen der regelmäßigen Einnahme, da zunächst die Aufdosierungsphase abgeschlossen werden muss und der Wirkstoffspiegel im Körper ansteigen muss. Die klinischen Studien, die zur Zulassung geführt haben, untersuchten vor allem den Effekt über zwei Jahre. In dieser Zeit zeigte sich eine deutliche Verlangsamung der Krankheitsprogression bei Patienten mit aktiver SPMS. Die maximale Therapiedauer ist nicht festgelegt; die Fortführung der Behandlung wird bei regelmäßigen Kontrollterminen gemeinsam mit dem Arzt bewertet.
10. Was ist bei der Verordnung zu beachten? Siponimod darf nur verordnet werden, wenn eine aktive sekundär progrediente MS vorliegt und diese Aktivität dokumentiert ist. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nur unter diesen Bedingungen. Ärztinnen und Ärzte müssen außerdem dokumentieren, dass die Therapie regelmäßig überprüft wird und die Kriterien des Gemeinsamen Bundesausschusses erfüllt sind. Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung ist für jede Patientin und jeden Patienten erforderlich.
11. Welche Alternativen gibt es? Zu den Alternativen gehören andere S1P-Modulatoren wie Fingolimod oder Ozanimod, die jedoch für andere MS-Formen zugelassen sind. Darüber hinaus kommen Antikörpertherapien wie Ocrelizumab oder Natalizumab infrage, je nach Krankheitsverlauf und individueller Situation. Die Wahl der geeigneten Therapie hängt von der Vorgeschichte, dem Risikoprofil und der Krankheitsaktivität ab.
12. Wie wirksam ist Siponimod? In klinischen Studien konnte Siponimod das Fortschreiten der Behinderung bei aktiver SPMS signifikant verlangsamen. Außerdem zeigte sich eine Reduktion neuer MRT-Läsionen. Die Wirksamkeit ist besonders ausgeprägt bei Patienten, bei denen weiterhin entzündliche Aktivität vorliegt. Diese Daten verdeutlichen, dass Siponimod in der spezifischen Patientengruppe einen wichtigen therapeutischen Nutzen bietet.
13. Welche Risiken bestehen? Zu den wichtigsten Risiken zählen Herzfrequenzveränderungen zu Therapiebeginn, erhöhte Infektanfälligkeit, mögliche Netzhauterkrankungen und seltene schwerwiegende Gehirninfektionen. Auch Leberfunktionsstörungen und Blutdruckerhöhungen sind relevante Aspekte, die überwacht werden müssen. Ein Rote-Hand-Brief weist auf diese Risiken hin und unterstreicht die Bedeutung regelmäßiger Kontrollen und frühzeitiger Reaktion auf Warnsymptome.