1. Was ist Ocrelizumab? Ocrelizumab ist ein modernes Arzneimittel zur Behandlung der Multiplen Sklerose. Es gehört zur Gruppe der monoklonalen Antikörper und wird unter dem Handelsnamen Ocrevus angeboten. Das Medikament wurde speziell entwickelt, um das Immunsystem gezielt zu beeinflussen und dadurch die entzündlichen Prozesse zu verringern, die bei MS eine zentrale Rolle spielen. Seit 2017 ist Ocrelizumab in der Europäischen Union zugelassen und hat besonders für Menschen mit schubförmiger und primär progredienter MS neue therapeutische Möglichkeiten eröffnet.
2. Wie wirkt Ocrelizumab? Der Wirkstoff greift gezielt an bestimmten Zellen des Immunsystems an, den sogenannten B-Lymphozyten. Diese tragen ein Eiweiß auf ihrer Oberfläche, das CD20 heißt. Ocrelizumab bindet an dieses Eiweiß und sorgt dafür, dass diese B-Zellen abgebaut werden. Da diese Zellen an der Entstehung und Verstärkung der Entzündungsreaktionen bei MS beteiligt sind, führt ihre Verminderung zu einer Reduktion der Krankheitsaktivität. Dadurch können Schübe seltener auftreten, bestehende Beschwerden stabilisiert und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt werden.
3. Wann wird Ocrelizumab eingesetzt? Ocrelizumab wird bei zwei Formen der Multiplen Sklerose eingesetzt. Bei der schubförmigen MS dient es dazu, die Häufigkeit und Schwere von Schüben zu verringern und langfristige Behinderungen aufzuhalten. Bei der primär progredienten MS wird es eingesetzt, wenn die Erkrankung frühe Zeichen entzündlicher Aktivität zeigt. Für diese Verlaufsform ist Ocrelizumab das erste zugelassene Medikament, das nachweislich den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann.
4. Wie wird Ocrelizumab eingenommen? Das Medikament wird nicht als Tablette eingenommen, sondern als Infusion über eine Vene verabreicht. Die Therapie beginnt mit zwei Infusionen im Abstand von zwei Wochen, die jeweils 300 Milligramm enthalten. Danach erfolgt alle sechs Monate eine Infusion mit 600 Milligramm. Vor jeder Infusion erhalten Patienten üblicherweise Medikamente wie Kortison und ein Antihistaminikum, um mögliche Infusionsreaktionen zu vermindern. Die Infusionsdauer beträgt mehrere Stunden, weshalb die Behandlung immer in einer spezialisierten Praxis oder Klinik stattfindet.
5. Welche Nebenwirkungen können auftreten? Viele Patienten vertragen Ocrelizumab gut, dennoch können Nebenwirkungen auftreten. Am häufigsten kommt es zu Infusionsreaktionen, die sich durch Fieber, Schüttelfrost, Hautrötungen, Juckreiz oder Müdigkeit äußern können. Diese Beschwerden treten meist während oder kurz nach der Infusion auf und vergehen in der Regel wieder. Da das Immunsystem beeinflusst wird, können Infektionen wie Erkältungen etwas häufiger auftreten. Selten können schwerere Infektionen entstehen, darunter auch die Reaktivierung einer bereits früher durchgemachten Hepatitis-B-Infektion. Sehr selten werden schwere neurologische Komplikationen wie die progressive multifokale Leukoenzephalopathie (PML) beschrieben, die allerdings insgesamt ein ausgesprochen geringes Risiko darstellt.
6. Wer sollte Ocrelizumab nicht einnehmen? Menschen mit aktiven Infektionen sollten Ocrelizumab so lange nicht erhalten, bis die Infektion abgeklungen ist. Auch Personen, bei denen eine Hepatitis-B-Infektion bekannt oder nicht ausreichend abgeklungen ist, sollen nicht behandelt werden, da das Virus erneut aktiv werden kann. Patienten mit schwerer Immunschwäche oder einer bekannten Allergie gegen Ocrelizumab oder Bestandteile der Infusionslösung dürfen das Medikament ebenfalls nicht erhalten. In der Schwangerschaft und Stillzeit wird Ocrelizumab nicht empfohlen, da es bisher zu wenige wissenschaftliche Erkenntnisse darüber gibt, wie sich der Wirkstoff auf das Kind auswirkt.
7. Welche Wechselwirkungen sind möglich? Da Ocrelizumab das Immunsystem beeinflusst, kann die gleichzeitige Einnahme anderer immunsuppressiver Medikamente zu einer zusätzlichen Schwächung der Abwehr führen. Dadurch steigt das Risiko für Infektionen. Auch Impfungen sollten sorgfältig geplant werden. Während der Behandlung und einige Monate danach dürfen keine Lebendimpfstoffe verabreicht werden. Inaktivierte Impfstoffe sind grundsätzlich möglich, können aber weniger wirksam sein.
8. Wie wird die Behandlung überwacht? Während jeder Infusion wird der Patient engmaschig überwacht, um mögliche Reaktionen frühzeitig zu erkennen. Darüber hinaus erfolgen regelmäßige Kontrollen auf Infektionen, insbesondere im Hinblick auf Hepatitis B. Auch der allgemeine Gesundheitszustand und der Verlauf der MS werden von der behandelnden Neurologin oder dem Neurologen regelmäßig beurteilt. Diese Überwachung ist wichtig, um die Wirksamkeit der Therapie zu überprüfen und mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen.
9. Wie schnell und wie lange wirkt Ocrelizumab? Die Wirkung beginnt schrittweise nach den ersten Infusionen, kann aber mehrere Wochen benötigen, bis sie voll einsetzt. Viele Patienten berichten im Verlauf der ersten Monate über eine deutliche Stabilisierung ihrer Symptome. Die Wirkung hält zwischen den Infusionen an, weshalb das Medikament nur zweimal im Jahr gegeben werden muss. Der langfristige Nutzen zeigt sich insbesondere darin, dass Schübe reduziert und die Krankheitsprogression verlangsamt werden.
10. Was ist bei der Verordnung zu beachten? Ocrelizumab darf nur von Fachärzten für Neurologie verordnet werden, die mit MS-Therapien vertraut sind. Vor Beginn müssen bestimmte Untersuchungen durchgeführt werden, unter anderem ein Hepatitis-B-Test und gegebenenfalls Impfungen. Außerdem muss dokumentiert sein, dass der Patient die entsprechende Form der MS hat, für die Ocrelizumab zugelassen ist. Die Therapie erfolgt im Rahmen eines Risikomanagementprogramms, das die Sicherheit der Patienten gewährleisten soll.
11. Welche Alternativen gibt es? Für die schubförmige MS existieren verschiedene Alternativen wie Interferon-beta, Glatirameracetat, Dimethylfumarat, Fingolimod oder Natalizumab. Sie unterscheiden sich in Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Art der Anwendung. Für die primär progrediente MS gibt es jedoch keine andere zugelassene Therapie, die eine vergleichbare Wirkung zeigt. Daher nimmt Ocrelizumab in diesem Bereich eine besondere Stellung ein.
12. Wie wirksam ist Ocrelizumab? Studien zeigen, dass Ocrelizumab die Schubrate deutlich senken und die Entwicklung neuer Entzündungsherde im Gehirn verringern kann. Bei Patienten mit primär progredienter MS lässt sich das Fortschreiten der Behinderung verlangsamen, insbesondere wenn noch aktive Entzündungszeichen vorliegen. Die langfristigen Daten bestätigen eine stabile Wirksamkeit über mehrere Jahre hinweg.
13. Welche Risiken bestehen? Neben den häufigen, meist milden Infusionsreaktionen besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen, da das Immunsystem teilweise herunterreguliert wird. Besonders wichtig ist die Kontrolle einer eventuell früheren Hepatitis-B-Infektion. Sehr selten können schwerwiegende neurologische Komplikationen auftreten. Insgesamt gilt Ocrelizumab jedoch als gut verträgliche und sehr effektive Therapie, die unter sorgfältiger medizinischer Überwachung sicher eingesetzt werden kann.