Die Immunrekonstitutionstherapie ist ein besonderes Behandlungskonzept bei Multipler Sklerose. Im Unterschied zu vielen anderen MS-Medikamenten, die täglich, wöchentlich oder monatlich eingenommen oder gespritzt werden müssen, arbeitet die Immunrekonstitutionstherapie nach dem Prinzip „kurz behandeln – lange profitieren“. Dabei wird das fehlgesteuerte Immunsystem für eine begrenzte Zeit stark beeinflusst oder vorübergehend teilweise ausgeschaltet. Anschließend baut der Körper das Immunsystem wieder neu auf. Dieser Wiederaufbau, der in der Fachsprache „Rekonstitution“ genannt wird, kann dazu führen, dass das Immunsystem langfristig weniger aggressiv gegen das zentrale Nervensystem gerichtet ist. Viele Patienten können dadurch über Jahre hinweg eine stabile Erkrankungslage ohne dauerhafte Medikamenteneinnahme erreichen.
Was bedeutet Immunrekonstitutionstherapie genau? Im Kern handelt es sich um eine Behandlung, die das Immunsystem in zwei Phasen beeinflusst. Die erste Phase ist eine relativ kurze, aber sehr wirkungsstarke Behandlung, die bestimmte Immunzellen deutlich reduziert. Dadurch wird die entzündliche Aktivität, die für MS-Schübe verantwortlich ist, stark gebremst. In der zweiten Phase, die sich über Monate und Jahre erstreckt, regenerieren sich die Immunzellen. Idealerweise entsteht ein Immunsystem, das weniger zur Selbstangriffstendenz neigt. Das Ziel ist also nicht eine dauerhafte Unterdrückung des Immunsystems, sondern ein nachhaltiger Neustart.
Welche Therapien zählen zur Immunrekonstitutionstherapie? Zur Immunrekonstitutionstherapie gehören in der alltäglichen MS-Behandlung vor allem drei zugelassene bzw. etablierte Optionen. Cladribin-Tabletten sind eine orale Therapie, die über zwei Jahre in kurzen Einnahmephasen verabreicht wird und anschließend oft über mehrere Jahre keine weitere Behandlung benötigt. Alemtuzumab ist eine Infusionstherapie, die in zwei kurzen Behandlungszyklen im Abstand von einem Jahr gegeben wird und nach der viele Patienten über lange Zeit stabil bleiben, ohne erneut behandelt werden zu müssen. Zusätzlich gibt es die autologe hämatopoetische Stammzelltransplantation, kurz AHSCT, die im Prinzip das intensivste IRT-Verfahren darstellt. Sie wird vor allem bei besonders aggressiven oder gegenüber anderen Medikamenten resistenten Verläufen eingesetzt. Die Behandlung erfolgt in spezialisierten Zentren und beinhaltet eine nahezu vollständige Abschwächung der Immunfunktion mit anschließender Neuanlage des Immunsystems aus eigenen zuvor entnommenen Stammzellen.
Wie unterscheiden sich diese Therapien voneinander? Alle Immunrekonstitutionstherapien arbeiten nach demselben Grundgedanken, unterscheiden sich aber in Intensität, Aufwand und Nebenwirkungsprofil. Cladribin-Tabletten wirken vergleichsweise gezielt auf bestimmte Lymphozyten und führen selten zu schweren Nebenwirkungen. Da sie nur an wenigen Tagen eingenommen werden und keine regelmäßigen Infusionen erfordern, empfinden viele Patienten die Behandlung als besonders unkompliziert. Alemtuzumab wirkt stärker und breiter auf das Immunsystem, kann aber auch zu langfristigen Nebenwirkungen führen, vor allem zu Autoimmunerkrankungen wie Schilddrüsenstörungen. Deshalb ist nach der Behandlung ein engmaschiges Blut- und Urinmonitoring über mehrere Jahre notwendig. Die Stammzelltransplantation wiederum ist die wirksamste, aber auch riskanteste Form der Immunrekonstitution, weil sie das Immunsystem für eine kurze Zeit fast vollständig ausschaltet und anschließend neu aufbauen lässt. Sie ist besonders für Patienten geeignet, deren MS trotz hochwirksamer anderer Therapien immer wieder aufflammt.
Wie wirksam ist eine Immunrekonstitutionstherapie? Viele Studien und Langzeitbeobachtungen zeigen, dass Immunrekonstitutionstherapien zu einer deutlichen und oft langfristigen Kontrolle der MS führen können. Die Schubrate kann stark sinken, neue Entzündungsherde im MRT werden seltener, und das Risiko einer dauerhaften Behinderungszunahme lässt sich vielfach senken. Bei manchen Patienten bleibt die Erkrankung nach Abschluss der kurzen Behandlungsphase über viele Jahre hinweg stabil, ohne dass weitere Medikamente nötig sind. Dies gilt besonders für Cladribin-Tabletten und Alemtuzumab sowie für die Stammzelltherapie bei hochaktiver MS.
Welche Risiken sollte man kennen? Wie jede wirksame Therapie hat auch die Immunrekonstitutionstherapie mögliche Nebenwirkungen. Während die kurzfristigen Beschwerden meist gut behandelbar sind, unterscheiden sich die langfristigen Risiken zwischen den einzelnen IRT-Optionen deutlich. Cladribin führt typischerweise zu einer vorübergehenden Abnahme der Lymphozyten, wodurch Infektionen etwas häufiger auftreten können. Alemtuzumab kann infusionsbedingte Reaktionen auslösen und langfristig Autoimmunerkrankungen verursachen, weshalb eine regelmäßige Kontrolle über mehrere Jahre zwingend ist. Bei der Stammzelltransplantation stehen die kurzfristigen Risiken der intensiven Chemotherapie im Vordergrund, beispielsweise Infektionen, Blutbildveränderungen oder Organbelastungen. Dafür kann der Langzeiteffekt beeindruckend stabil sein. Wichtig ist, dass keine IRT ohne sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgt und alle Patienten eng durch erfahrene MS-Spezialisten begleitet werden.
Für wen ist eine Immunrekonstitutionstherapie geeignet? Eine IRT kommt insbesondere für Patienten infrage, die eine aktive oder hochaktive MS haben und eine langfristige Stabilität ohne dauerhafte Medikamenteneinnahme anstreben. Cladribin eignet sich oft für Patienten, die eine effektive, aber alltagsfreundliche Therapie wünschen und denen eine planbare Behandlung wichtig ist. Alemtuzumab wird meist dann erwogen, wenn die MS besonders aktiv ist oder andere Therapien nicht ausreichend gewirkt haben. Die Stammzelltransplantation bleibt Patienten vorbehalten, deren MS sehr aggressiv verläuft oder die trotz modernster Medikamente immer wieder Schübe oder neue Herde entwickeln. Auch persönliche Lebensumstände, Beruf, Kinderwunsch und Vorerkrankungen spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung.
Was bedeutet die Entscheidung für eine IRT im Alltag? Viele Patienten empfinden die kurze, aber intensive Behandlung als befreiend, weil danach lange Phasen ohne Therapie folgen. Gleichzeitig sollte man sich darauf einstellen, dass Kontrollen, Bluttests oder ärztliche Nachuntersuchungen weiterhin notwendig sind, insbesondere bei Alemtuzumab und nach einer Stammzelltherapie. Die Einnahme von Cladribin ist dagegen vergleichsweise einfach und erfordert weniger Monitoring. Wichtig ist, dass Patient und behandelnder Neurologe exakt abstimmen, welches Verfahren zum individuellen Krankheitsverlauf, zur persönlichen Lebensplanung und zum Sicherheitsprofil passt.