1. Was sind Interferone? Interferone sind körpereigene Eiweiße, die das Immunsystem regulieren und insbesondere bei Virusinfektionen aktiv werden. Sie wirken antiviral, hemmen das Zellwachstum und steuern entzündliche Prozesse. Für die Behandlung der Multiplen Sklerose wird vor allem Interferon-beta eingesetzt, das zur Gruppe der Typ-I-Interferone gehört. Diese Medikamente zählen zu den am längsten bewährten Therapien der MS und gelten als gut untersucht. Sie können die Krankheitsaktivität reduzieren, indem sie die überschießende Immunreaktion bei MS dämpfen und den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen.
2. Wie wirkt Interferon-beta? Der genaue Wirkmechanismus von Interferon-beta bei der Multiplen Sklerose ist noch nicht bis ins letzte Detail verstanden. Man weiß jedoch, dass das Medikament verschiedene Teile der Immunreaktion moduliert. Es verringert die Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe und steigert gleichzeitig die Produktion von Substanzen, die Entzündungen entgegenwirken. Zusätzlich behindert Interferon-beta die Wanderung aktivierter Immunzellen durch die Blut-Hirn-Schranke in das zentrale Nervensystem und trägt dazu bei, diese Barriere stabiler zu machen. Dadurch gelangen weniger aggressive Abwehrzellen ins Gehirn und Rückenmark, was letztlich zu einer Abnahme der Krankheitsaktivität führt. Diese immunmodulierenden Effekte tragen zur Reduktion der Schubrate und zur Stabilisierung des Krankheitsverlaufs bei.
3. Wann werden Interferone eingesetzt? Interferone sind zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose zugelassen und werden eingesetzt, um die Häufigkeit von Schüben zu reduzieren und neue Entzündungsherde zu verhindern. Sie können auch bereits nach einem ersten demyelinisierenden Ereignis angewendet werden, wenn ein aktiver Entzündungsprozess im MRT sichtbar ist. Interferon beta-1b besitzt zusätzlich eine Zulassung für die Behandlung der sekundär progredienten MS, sofern weiterhin Schübe auftreten. Die Therapie eignet sich besonders für Patienten mit leichterer oder moderater Krankheitsaktivität, die eine gut verträgliche und langfristig sichere Behandlungsoption wünschen.
4. Wie wird Interferon eingenommen bzw. angewendet? Interferon-beta wird nicht als Tablette, sondern als Injektion verabreicht. Die verfügbaren Präparate unterscheiden sich in Dosierung, Injektionsrhythmus und Art der Anwendung. Interferon beta-1a kann als Avonex einmal wöchentlich intramuskulär injiziert werden, während Rebif dreimal wöchentlich unter die Haut gespritzt wird. Interferon beta-1b, bekannt als Betaferon oder Extavia, wird jeden zweiten Tag subkutan angewendet. Plegridy, ein peglyiertes Interferon beta-1a, ermöglicht durch seine verlängerte Wirkdauer eine Injektion nur alle zwei Wochen, entweder intramuskulär oder subkutan. Die meisten Patienten erlernen die Selbstinjektion nach einer Einweisung und können die Behandlung anschließend zu Hause praktisch und sicher durchführen.
5. Welche Nebenwirkungen können auftreten? Interferone gelten als insgesamt gut verträgliche Medikamente, können jedoch zu typischen, meist vorübergehenden Beschwerden führen. Viele Patienten erleben besonders zu Beginn grippeähnliche Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Glieder- oder Muskelschmerzen, die sich im Verlauf häufig abschwächen. Reaktionen an der Einstichstelle wie Rötung, Schwellung oder Druckschmerz treten vor allem bei subkutanen Injektionen auf. Es können Müdigkeit, Kopfschmerzen oder erhöhte Leberwerte auftreten, weshalb eine regelmäßige Kontrolle der Blutwerte empfohlen wird. Diese Nebenwirkungen sind meist mild bis moderat und können durch verschiedene Maßnahmen, etwa die Anpassung der Injektionszeit oder begleitende symptomlindernde Medikamente, gut beherrscht werden.
6. Wer sollte Interferone nicht einnehmen? Nicht jeder Patient ist für eine Interferontherapie geeignet. Menschen mit schweren Depressionen oder ausgeprägten Stimmungsveränderungen sollten Interferon-beta meist nicht erhalten, da es den Zustand verschlechtern könnte. Auch bei schweren Lebererkrankungen oder nicht erklärbaren erhöhten Leberwerten wird von der Anwendung abgeraten. Während der Schwangerschaft sollen Interferone nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Je nach Präparat gelten außerdem unterschiedliche Altersgrenzen, die zwischen zwei und sechzehn Jahren liegen.
7. Welche Wechselwirkungen sind möglich? Interferone zeigen insgesamt wenige bedeutsame Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Dennoch kann es vorkommen, dass sich die Wirkung von Arzneimitteln verändert, die ebenfalls das Nervensystem beeinflussen. Medikamente, die die Leber belasten, können in Kombination mit Interferonen zu stärker erhöhten Leberwerten führen. Da Interferone das Immunsystem beeinflussen, sollten andere immunwirksame Medikamente nur nach sorgfältiger Abwägung kombiniert werden. Es ist wichtig, dass alle behandelnden Ärzte über sämtliche eingenommenen Arzneimittel informiert sind.
8. Wie wird die Behandlung überwacht? Während der Behandlung sind regelmäßige ärztliche Kontrollen notwendig, um die Sicherheit der Therapie zu gewährleisten. In den ersten Monaten werden häufiger Blutuntersuchungen durchgeführt, um Leberwerte, Blutbild und mögliche Entzündungszeichen zu beobachten. Auch psychische Veränderungen oder anhaltende grippeähnliche Beschwerden werden im Rahmen der Verlaufskontrollen erfragt. Ergänzend erfolgt in regelmäßigen Abständen eine MRT-Bildgebung, um die Krankheitsaktivität zu beurteilen und die Wirksamkeit der Behandlung zu überwachen.
9. Wie schnell und wie lange wirken Interferone? Die Wirkung setzt nicht sofort, sondern schrittweise ein. Oft zeigt sich nach wenigen Wochen eine erste Besserung der Schubrate, während längerfristige Effekte wie die Verlangsamung des Behinderungsfortschritts erst im Verlauf von Monaten deutlicher erkennbar werden. Interferone sind als Dauertherapie ausgelegt und werden meist über viele Jahre angewendet, sofern sie gut vertragen werden und die Krankheitsaktivität ausreichend kontrollieren.
10. Was ist bei der Verordnung zu beachten? Vor Beginn der Behandlung wird geprüft, ob Interferone aufgrund von Vorerkrankungen oder Begleitmedikationen geeignet sind. Die Therapiewahl hängt häufig davon ab, wie oft der Patient bereit ist zu injizieren, ob eine intramuskuläre oder subkutane Anwendung bevorzugt wird und ob eine flexible, länger wirksame Option wie Plegridy gewünscht ist. Zudem werden Lebensumstände wie Beruf, Reiseaktivitäten und Familienplanung berücksichtigt. Eine ausführliche Einführung in die Selbstinjektion ist Bestandteil der Therapieeinleitung.
11. Welche Alternativen gibt es? Interferone gehören zu den klassischen Basistherapeutika der MS. Alternativen sind Glatirameracetat sowie verschiedene moderne Wirkstoffe wie Fumarate, Teriflunomid, S1P-Modulatoren oder unterschiedlich stark wirksame monoklonale Antikörper. Diese unterscheiden sich hinsichtlich Wirksamkeit, Risiken, Darreichungsform und Therapieaufwand. Welche Alternative geeignet ist, hängt von der individuellen Krankheitsaktivität, von Vorerkrankungen sowie von persönlichen Präferenzen ab.
12. Wie wirksam sind Interferone? Interferon-beta ist seit 1993 gut klinisch untersucht und hat in zahlreichen Studien gezeigt, dass es die Schubrate reduziert, neue entzündliche Läsionen im MRT verringert und das Fortschreiten der Behinderung verlangsamt. Die Wirksamkeit gilt als moderat, dafür jedoch zuverlässig und langfristig stabil. Bei einem Teil der Patienten reicht diese Wirksamkeit jedoch nicht aus, sodass gegebenenfalls auf stärker wirksame Therapien umgestellt werden muss.
13. Welche Risiken bestehen? Interferone haben ein günstiges Sicherheitsprofil, das sich über Jahrzehnte bestätigt hat. Zu den wichtigsten Risiken gehören mögliche depressive Verstimmungen, relevante Leberwerterhöhungen oder selten Autoimmunreaktionen. Schwere Nebenwirkungen sind insgesamt selten. Dennoch ist eine konsequente ärztliche Überwachung entscheidend, damit Veränderungen früh erkannt und behandelt werden können. Insgesamt gelten Interferone als eine der sichersten und am besten etablierten Therapieformen der schubförmigen MS.