1. Was ist Cladribin?
Cladribin ist ein Medikament, das ursprünglich zur Behandlung bestimmter Blutkrebserkrankungen entwickelt wurde und heute auch zur Therapie der hochaktiven schubförmigen Multiplen Sklerose eingesetzt wird. Es gehört zu den wenigen sogenannten Immunrekonstitutions-Therapien, bei denen nur kurze Behandlungsphasen notwendig sind, die dennoch eine langfristige Wirkung erzielen. Für Patienten bedeutet dies, dass die Einnahme nur an wenigen Tagen pro Jahr erfolgt, der Effekt aber über viele Monate anhält.
2. Wie wirkt Cladribin?
Cladribin wirkt, indem es bestimmte Abwehrzellen des Körpers, vor allem B- und T-Lymphozyten, vorübergehend reduziert. Diese Zellen spielen bei der MS eine wichtige Rolle, weil sie Entzündungen im Gehirn und Rückenmark verursachen können. Der Wirkstoff wird in die DNA der Zellen eingebaut und führt dazu, dass sich diese nicht mehr teilen können und abgebaut werden. Dies erfolgt gezielt, da besonders aktive Immunzellen empfindlich auf Cladribin reagieren. Nach der Behandlung bildet sich das Immunsystem allmählich wieder neu und stabilisiert sich, wodurch Entzündungsschübe deutlich seltener auftreten.
3. Wann wird Cladribin eingesetzt?
Cladribin wird bei erwachsenen Patienten angewendet, deren MS als hochaktiv gilt. Das bedeutet, dass trotz Therapie häufige Schübe auftreten oder im MRT neue Krankheitsherde sichtbar sind. Die Therapie kommt insbesondere für Menschen infrage, die eine wirksame, aber wenig alltägliche Behandlung wünschen, da Cladribin nur in zwei kurzen Zyklen über zwei Jahre eingenommen wird. In der Krebsmedizin wird Cladribin zudem zur Behandlung der Haarzellleukämie und anderer lymphatischer Erkrankungen eingesetzt, allerdings in anderer Dosierung.
4. Wie wird Cladribin eingenommen?
Cladribin wird als Tablette eingenommen. Die Behandlung erfolgt in zwei Jahren, wobei jedes Jahr zwei kurze Einnahmephasen von wenigen Tagen umfasst. Die Tabletten dürfen nicht geteilt oder zerkleinert werden und sollten mit Wasser geschluckt werden. Der Zeitpunkt der Einnahme ist flexibel, er muss nicht an Mahlzeiten gekoppelt sein. Zwischen den einzelnen Therapiezyklen liegt etwa ein Jahr, sodass nur wenige Einnahmetage für eine langfristige Wirkung erforderlich sind.
5. Welche Nebenwirkungen können auftreten?
Die häufigste Nebenwirkung ist eine vorübergehende Verringerung bestimmter Abwehrzellen im Blut, also eine Lymphopenie. Diese kann das Risiko für Infektionen erhöhen. Besonders häufig treten Infektionen mit dem Herpes-Zoster-Virus auf, das Gürtelrose verursachen kann. Auch Kopfschmerzen, Müdigkeit oder allgemeines Krankheitsgefühl sind möglich. Selten können schwerere Infektionen oder das Auftreten von Tumoren beobachtet werden, wobei dies eng überwacht wird und sehr selten vorkommt. Warnzeichen wie Fieber, Hautausschläge oder neue neurologische Symptome sollten immer ärztlich abgeklärt werden.
6. Wer sollte Cladribin nicht einnehmen?
Cladribin darf nicht angewendet werden, wenn eine Schwangerschaft besteht oder geplant ist oder wenn gestillt wird. Auch Patienten mit schweren aktiven Infektionen, wie Tuberkulose oder Hepatitis, oder mit einer bestehenden Immunschwäche dürfen das Medikament nicht erhalten. Eine frühere Krebserkrankung kann ebenfalls ein Ausschlusskriterium sein, mit Ausnahme bestimmter vollständig behandelter Hauttumoren. Menschen mit schweren Leber- oder Nierenerkrankungen sollten Cladribin nicht einnehmen. Vor Beginn der Therapie wird daher immer sorgfältig geprüft, ob Kontraindikationen vorliegen.
7. Welche Wechselwirkungen sind möglich?
Cladribin sollte nicht gleichzeitig mit anderen stark immunsuppressiven Arzneimitteln eingenommen werden, da sich das Risiko schwerer Infektionen erhöhen kann. Auch Impfstoffe, die lebende abgeschwächte Krankheitserreger enthalten, dürfen während und eine gewisse Zeit nach der Behandlung nicht verabreicht werden. Manche Medikamente, die den Abbau von Wirkstoffen in der Leber beschleunigen, können die Wirksamkeit von Cladribin verringern. Deshalb sollte jede Dauermedikation vor Beginn der Therapie ärztlich überprüft werden.
8. Wie wird die Behandlung überwacht?
Vor Beginn der Therapie werden Blutbild, Leber- und Nierenwerte sowie der Impfstatus kontrolliert. Besonders wichtig ist die Überwachung der Lymphozytenzahl, da diese bestimmt, ob und wann die nächsten Tabletten eingenommen werden dürfen. Auch nach Abschluss der Behandlung werden die Werte regelmäßig kontrolliert, um Infektionen frühzeitig zu erkennen. Die Behandlung ist so aufgebaut, dass nur wenige Arztbesuche nötig sind, die Überwachung jedoch sorgfältig strukturiert erfolgt.
9. Wie schnell und wie lange wirkt Cladribin?
Die Wirkung setzt bereits innerhalb weniger Wochen ein, sobald die Zahl der aktiven Immunzellen sinkt. Der volle Nutzen zeigt sich meist im Verlauf des ersten Behandlungsjahres. Besonders bemerkenswert ist, dass die Wirkung über Jahre anhalten kann, obwohl das Medikament selbst nur wenige Tage pro Jahr eingenommen wird. Viele Patienten erleben nach der Therapie eine deutliche Reduktion der Schubrate und eine Stabilisierung der MRT-Befunde.
10. Was ist bei der Verordnung zu beachten?
Für die Behandlung müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, insbesondere die Diagnose einer hochaktiven MS. Frauen und Männer im gebärfähigen Alter müssen eine zuverlässige Verhütung anwenden. Vor Beginn müssen alle Kontraindikationen ausgeschlossen und Infektionsrisiken abgeklärt werden. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel nur, wenn die dokumentierten Kriterien erfüllt sind. Die Therapie wird ausschließlich von speziell qualifizierten Ärzten verordnet.
11. Welche Alternativen gibt es?
Alternativen zu Cladribin sind andere hochwirksame MS-Therapien wie Ocrelizumab, Alemtuzumab oder Natalizumab. Diese unterscheiden sich in Wirksamkeit, Wirkmechanismus, Risiken und Anwendung. Manche werden als Infusion verabreicht, andere wie Cladribin oral. Die Wahl hängt vom individuellen Krankheitsverlauf, Begleiterkrankungen und persönlichen Präferenzen ab.
12. Wie wirksam ist Cladribin?
Cladribin gilt als hochwirksam und kann die Schubrate deutlich senken, die Entwicklung neuer MRT-Läsionen reduzieren und die Krankheitsaktivität langfristig stabilisieren. Viele Patienten profitieren von der Kombination aus langanhaltender Wirkung und niedrigem Aufwand. Die Wirksamkeit gehört zu den höchsten unter den verfügbaren MS-Therapien im oralen Bereich.
13. Welche Risiken bestehen?
Das wichtigste Risiko ist die erhöhte Infektanfälligkeit durch die zeitweise Verminderung der Immunzellen. Besonders Infektionen mit Herpes Zoster können auftreten. Langfristig werden Patienten hinsichtlich möglicher Tumorrisiken überwacht, wobei das absolute Risiko als niedrig gilt. Eine Schwangerschaft während oder kurz nach der Therapie kann dem ungeborenen Kind schaden, weshalb eine strenge Verhütungspflicht besteht. Insgesamt gilt Cladribin aber als sicher, wenn die Therapie korrekt überwacht und die Sicherheitsvorgaben eingehalten werden.