NEUROLOGIE MIT HERZ
Modern. Ganzheitlich. Einfühlsam.


1. Einführung: Was sind B-Zell-Therapien und warum werden sie bei MS eingesetzt? Bei der Multiplen Sklerose richtet sich das Immunsystem fälschlicherweise gegen Strukturen des eigenen Körpers, vor allem gegen die schützenden Myelinscheiden der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark. Eine wichtige Rolle spielen dabei B-Zellen, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen. Sie können entzündungsfördernde Stoffe freisetzen, andere Immunzellen aktivieren und körpereigene Gewebe markieren, sodass diese leichter angegriffen werden. B-Zell-depletierende Therapien schalten einen großen Teil dieser Zellen für mehrere Monate aus. Das Immunsystem wird dadurch beruhigt, die Entzündungsaktivität nimmt ab und sowohl die Häufigkeit von Schüben als auch das Risiko neuer Schäden im Nervensystem werden deutlich reduziert. Diese Medikamente gehören heute zu den wirksamsten Behandlungsformen bei MS.

2. Welche Medikamente gehören zu dieser Behandlungsgruppe? Zur B-Zell-Depletion stehen in Deutschland drei zugelassene Medikamente zur Verfügung: Ocrelizumab, Ofatumumab und Ublituximab. Ein viertes Mittel, Rituximab, wird in einigen Kliniken ebenfalls eingesetzt, besitzt jedoch keine offizielle Zulassung für MS. Die Medikamente unterscheiden sich vor allem darin, wie sie verabreicht werden, wie oft sie eingenommen oder infundiert werden müssen und für welche MS-Formen sie zugelassen sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle an das gleiche Oberflächenmerkmal auf B-Zellen binden und dadurch den Großteil dieser Zellen vorübergehend entfernen.

3. Wie wirken diese Medikamente genau? Alle B-Zell-depletierenden Medikamente binden an ein Molekül auf der Oberfläche reifer B-Zellen, das als CD20 bezeichnet wird. Sobald ein Medikament an die Zelle bindet, wird diese als „zu entfernen“ markiert und anschließend vom Körper abgebaut. Dies führt innerhalb weniger Tage bis Wochen zu einer deutlichen Verringerung der B-Zellzahl im Blut. Da B-Zellen für Entzündungsprozesse bei der MS mitverantwortlich sind, nehmen Entzündungsschübe ab, die Bildung neuer Läsionen im MRT wird reduziert und das Risiko einer dauerhaften Behinderungsprogression sinkt. Die Erholung der B-Zellen verläuft langsam und dauert meist mehrere Monate, weshalb die Therapie nur in größeren Abständen wiederholt werden muss.

4. Für welche Patienten eignet sich diese Therapieform? B-Zell-Therapien werden häufig bei Menschen mit schubförmiger MS eingesetzt, insbesondere dann, wenn die Erkrankung eine hohe Aktivität zeigt oder wenn frühere Medikamente nicht ausreichend geholfen haben. Ocrelizumab ist zudem das einzige Medikament dieser Gruppe, das auch bei bestimmten Formen der primär progredienten MS zugelassen ist, und zwar dann, wenn noch entzündliche Aktivität nachweisbar ist. Die Entscheidung für diese Therapie berücksichtigt viele Faktoren wie Alter, Krankheitsverlauf, MRT-Befunde, Begleiterkrankungen, Infektionsrisiken und Lebensplanung, etwa bei Kinderwunsch. Häufig wird diese Therapie gewählt, wenn eine möglichst starke und zugleich gut steuerbare Kontrolle der Erkrankung gewünscht ist.

5. Wie werden die Medikamente verabreicht? Die Art der Verabreichung unterscheidet sich je nach Medikament. Ocrelizumab und Ublituximab werden als Infusion in einer Praxis oder Klinik gegeben. Die erste Behandlung erfolgt in zwei zeitnahen Sitzungen, während die folgenden Infusionen in der Regel alle sechs Monate notwendig sind. Die Infusionsdauer ist bei Ocrelizumab mehrere Stunden, bei Ublituximab deutlich kürzer. Ofatumumab wird dagegen als Injektion unter die Haut verabreicht. Hier erfolgt die Gabe zunächst in drei kleineren Abständen und anschließend einmal pro Monat. Diese Spritzen können die meisten Patienten nach einer Einweisung selbst zu Hause anwenden. Rituximab wird ebenfalls als Infusion gegeben, allerdings ohne einheitliches Schema, weil es für MS nicht offiziell zugelassen ist. Viele Patienten empfinden die verschiedenen Applikationsformen ganz unterschiedlich: Manche bevorzugen die seltenen Arzttermine bei Ocrelizumab oder Ublituximab, andere schätzen bei Ofatumumab die Flexibilität und die Möglichkeit, die Therapie selbstständig und ortsunabhängig durchzuführen.

6. Welche Nebenwirkungen können auftreten? ´Die meisten Patienten vertragen B-Zell-Therapien gut. Dennoch kann es zu typischen Nebenwirkungen kommen. Am häufigsten sind Reaktionen während oder kurz nach einer Infusion oder Injektion, wie Wärmegefühl, Kopfschmerzen, Müdigkeit oder grippeähnliche Beschwerden. Diese Reaktionen sind in der Regel leicht und klingen innerhalb kurzer Zeit wieder ab. Da die Medikamente das Immunsystem beeinflussen, kann es zu einer etwas erhöhten Infektanfälligkeit kommen, vor allem für Atemwegserkrankungen. Bei Ofatumumab sind gelegentlich Rötungen, Juckreiz oder leichte Schmerzen an der Einstichstelle möglich. Bei einer längerfristigen Behandlung kann die Konzentration bestimmter Abwehrstoffe (Immunglobuline) sinken, was ärztlich überwacht wird. Sehr selten können schwerere Infektionen auftreten. Eine extrem seltene Komplikation ist die sogenannte PML, eine schwere Gehirninfektion, die jedoch fast immer im Zusammenhang mit Vorbehandlungen und nicht durch die B-Zell-Therapie selbst entsteht. Insgesamt gilt, dass schwerwiegende Nebenwirkungen selten sind und durch regelmäßige ärztliche Kontrollen früh erkannt werden können.

7. Welche Kontrollen sind während der Therapie notwendig? Vor dem Beginn einer B-Zell-Therapie werden Blutwerte überprüft, Impfungen besprochen und gegebenenfalls aktualisiert, und es erfolgt eine umfangreiche Beratung. Während der laufenden Therapie werden die Blutwerte regelmäßig kontrolliert, insbesondere die Zahl der Immunzellen und der Immunglobuline. MRT-Untersuchungen dienen der Beobachtung des Krankheitsverlaufs und der Wirksamkeit des Medikaments. Da Impfantworten während der Therapie vermindert sein können, sollten notwendige Impfungen idealerweise vor Beginn abgeschlossen werden. Lebendimpfstoffe dürfen während der Therapie normalerweise nicht eingesetzt werden.

8. Wie schnell und wie lange wirkt die Therapie? Viele Patienten berichten bereits in den ersten Wochen oder Monaten von einem Rückgang der Krankheitsaktivität. Die Wirkung baut sich weiter auf, wenn die B-Zellen dauerhaft niedrig gehalten werden. Da sich die B-Zellen nur langsam erholen, reicht bei den Infusionstherapien eine erneute Gabe alle sechs Monate aus. Bei der monatlichen Ofatumumab-Behandlung wird der Spiegel kontinuierlich aufrechterhalten. Die Behandlung ist auf eine langfristige Stabilisierung der Erkrankung ausgerichtet und wird in der Regel über viele Jahre fortgeführt.

9. Was bedeutet die Therapie für den Alltag? Die meisten Patienten können ihren Alltag mit Arbeit, Familie und Freizeit ganz normal fortsetzen. Nach Infusionen oder Injektionen können vorübergehende leichte Beschwerden auftreten, die aber meist rasch vergehen. Wichtig ist eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Infektionen. Bei Fieber, langanhaltendem Krankheitsgefühl oder ungewöhnlichen Symptomen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden. Vor geplanten Operationen und bei Kinderwunsch ist eine frühzeitige Absprache mit dem behandelnden Neurologen notwendig, da die Therapie sorgfältig geplant werden muss.

10. Wie unterscheiden sich die einzelnen Medikamente aus Patientensicht? Ocrelizumab eignet sich besonders für Patienten, die nur zweimal im Jahr eine Infusion wünschen und eine enge Betreuung in einer Praxis oder Klinik bevorzugen. Für Menschen mit primär progredienter MS ist es derzeit die einzige zugelassene B-Zell-Therapie. Ofatumumab ist ideal für Patienten, die sich mehr Flexibilität wünschen, Infusionen vermeiden wollen oder weit von einer Infusionspraxis entfernt wohnen. Die monatliche Selbstinjektion erlaubt eine hohe Eigenständigkeit. Ublituximab verbindet die Vorteile einer Infusionstherapie mit sehr kurzen Infusionszeiten und ist dadurch für Patienten und Praxen mit begrenzter Zeitplanung attraktiv. Rituximab kann in besonderen Situationen eine Option sein, wird aber aufgrund des fehlenden Zulassungsstatus nur nach sorgfältiger individueller Entscheidung eingesetzt.