NEUROLOGIE MIT HERZ
Modern. Ganzheitlich. Einfühlsam.

Früh erkennen. Voranschreiten verzögern. Begleitend behandeln.

Die Behandlung der Multiplen Sklerose (MS) verfolgt das Ziel, Entzündungen im zentralen Nervensystem frühzeitig zu stoppen und langfristige Nervenschäden zu verhindern. Eine besondere Therapieform, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, ist die Induktionstherapie. Sie unterscheidet sich deutlich von der sogenannten „ereignisgesteuerten Therapie“, bei der zunächst mit einer milden Behandlung begonnen und erst bei neuen Krankheitsereignissen gesteigert wird.

Die Induktionstherapie folgt einem anderen Prinzip: Wenn die MS bereits zu Beginn sehr aktiv oder aggressiv verläuft, wird sofort eine besonders wirksame Therapie eingesetzt, ohne den Umweg über eine Basistherapie zu gehen. Dieses Vorgehen wird manchmal mit dem englischen Ausdruck „hit hard and early“ beschrieben – also: frühzeitig und konsequent handeln, um der Erkrankung schnellst¬möglich ihre Angriffskraft zu nehmen.

Eine Induktionstherapie wird vor allem dann empfohlen, wenn die ersten Befunde darauf hindeuten, dass die MS rasch zu einer Verschlechterung führen könnte. Dazu gehören zum Beispiel schwere oder mehrfach auftretende erste Schübe, deutliche oder anhaltende Symptome nach diesen Schüben, zahlreiche entzündliche Herde im MRT, insbesondere wenn viele davon aktiv sind (Kontrastmittelaufnahme), oder wenn sich bereits Läsionen im Rückenmark zeigen – ein Bereich, der besonders anfällig für bleibende Einschränkungen ist. Auch die Beobachtung einer frühen schleichenden Verschlechterung, die nicht durch Schübe erklärbar ist, spricht für einen aktiven Krankheitsprozess. Solche Hinweise zeigen, dass die MS in diesen Fällen ohne rasche Behandlung erheblichen Schaden anrichten könnte.

Die Medikamente, die im Rahmen einer Induktionstherapie eingesetzt werden, gehören zu den hochwirksamen Immuntherapien. Dazu zählen Ocrelizumab und Ofatumumab, die bestimmte Immunzellen – sogenannte B-Zellen-Depletion – gezielt reduzieren, sowie Alemtuzumab und Cladribin, die stärker und teilweise längerfristig in die Aktivität des Immunsystems im Sinne einer Immunrekonstitutionstherapie eingreifen. Manche dieser Medikamente werden in kurzen, intensiven Zyklen verabreicht und wirken dann über viele Monate oder sogar Jahre hinweg. Ziel ist es, die Entzündungsaktivität möglichst umfassend zu unterdrücken und dem Körper die Chance zu geben, sich zu stabilisieren.

Was bedeutet das für Patientinnen und Patienten? Eine Induktionstherapie kann helfen, die Krankheit von Anfang an unter Kontrolle zu bringen und das Risiko einer späteren Behinderungsentwicklung zu senken. Studien zeigen, dass frühe und konsequente Behandlung bei hochaktiven Verläufen langfristig bessere Ergebnisse erzielt. Gleichzeitig ist wichtig zu wissen, dass diese Medikamente stärker in das Immunsystem eingreifen als klassische Basistherapien. Deshalb erfolgt ihre Anwendung unter sorgfältiger ärztlicher Überwachung, mit regelmäßigen Untersuchungen und Blutkontrollen.

Ob eine Induktionstherapie sinnvoll ist, hängt von mehreren Faktoren ab – darunter die Stärke der ersten Schübe, die Anzahl und Aktivität der Läsionen im MRT, das Alter der betroffenen Person und mögliche Begleiterkrankungen. Die Entscheidung wird immer individuell getroffen, gemeinsam zwischen Patientin oder Patient und behandelnder Ärztin oder behandelndem Arzt.

Zusammengefasst bedeutet Induktionstherapie: Wenn die MS von Beginn an aggressiv erscheint, wird mit einer besonders wirksamen Behandlung gestartet, um früh möglichst viel Entzündungsaktivität zu stoppen. Ziel ist es, dauerhafte Schäden zu verhindern, die Lebensqualität zu schützen und das Fortschreiten der Erkrankung langfristig zu verlangsamen. Für viele Menschen mit einem aktiven Krankheitsbeginn kann dieser Ansatz einen entscheidenden Unterschied machen.